Das Wichtigste zuerst: Wer eine gute und detaillierte deutschsprachige Einleitung zu PBL sucht, dem sei die sehr ausführliche Zusammenfassung der Universität Köln empfohlen. Eine kürzere Einführung der Stanford University finden Sie auf diesem Link.

Warum es bei PBL nicht nur um Probleme geht

Es gab zwischen Prof. Howard Barrows und meiner Dozentengruppe aus Singapur unzählige Debatten warum ausgerechnet Probleme im Mittelpunkt der Bildung stehen sollten. Ein Problem ist erst einmal etwas Negatives, etwa ein gesundheitliches oder ein technisches Problem. Probleme sind typischerweise meist rein instrumenteller Natur. Es geht es aber nicht immer um unmittelbare Probleme, sondern um alle Arten von Herausforderungen – etwa in der Produktpflege, dem Design von Serviceleistungen oder der strategischen Evaluierung von Zukunftsszenarien in großen Organisationen. Barrows bejahte eine solche erweiterte Definition. Der eigentliche Grund warum das ‚Problem‘ in PBL noch immer vorne stand hatte damit zu tun, dass zum Zeitpunkt unserer Diskussionen der Ausdruck ‚Problembasiertes Lernen‘ bereits fest in der akademischen Literatur etabliert und verankert war. Es geht bei PBL also nicht nur um das Problemlösen im Sinne einer instrumentellen Vernunft, sondern darüber hinaus um das Design von Lebenswelten und der emanzipatorischen Planung einer gemeinsamen Zukunft.

Warum Kleingruppen?

Aktives Lernen basiert auf diskursiver Praxis. Das Format des Diskurses mit anderen Teilnehmern ist eine Voraussetzung dafür anderen Teilnehmern begründete Argumente vorzutragen zu können, die Tragfähigkeit von Beweisen zu diskutieren, Hypothesen zu formulieren und zu testen sowie neue Lösungsmöglichkeiten und Sichtweisen entwickeln zu können. In großen Gruppen verliert sich die Kraft individueller Beiträge weshalb Kleingruppen ein ideales Medium darstellen individuelle sowie soziale Lernprozesse gleichermaßen zu integrieren. Die Entwicklung diskursiver Kompetenzen (discourse practices) von Lehrkräften wie Lernenden steht daher im Mittelpunkt pädagogischen Interesses renommierter Institutionen wie der Stanford Graduate School of Education.

PBL ist eine vielfältige Pädagogie und kein Einheitsmodell

Das PBL Modell von Prof. Howard Barrows ist auch unter dem Namen ‘McMaster Modell’ bekannt wie es an der McMaster Universität in Kanada für Studiengänge in der Medizin entwickelt wurde. Es besteht, je nach Interpretation, aus 7 bis 8 logischen Prozessstufen. Barrows legte Wert darauf festzuhalten, dass es sich hierbei nicht um eine künstliche akademische Festlegung handelt, sondern um einen natürlichen Prozess rationaler Wissenskonstruktion bei dem jede vorausgehende Stufe die notwendige Voraussetzung für die nächste ist.

Wie funktioniert PBL?

1. Gruppenformation: Man braucht zunächst ein funktionales, strukturiertes Team das klaren Vorgaben folgt wer welche Rolle und Verantwortlichkeiten übernimmt. Daher sollten sich alle Teilnehmer gut verstehen und mit einem positiven Selbstverständnis beginnen.

2. Perzeptionsphase: Das präsentierte Problem (oder die Herausforderung) muss vom Team verstanden, also explizit definiert und anhand verfügbarer Fakten identifiziert werden.

3. Analyse und Hypothese: Danach geht es darum, Ideen mit Fakten zu verbinden. Das Team formuliert in einer wissenschaftlichen Vorgehensweise Hypothesen oder Vorstellungen wie ein Problem zustande kam und wie es möglicherweise zu lösen ist. Auf metakognitiver Ebene diskutiert die Gruppe dann anhand von Begründungen welche Hypothesen vermutlich brauchbar sind und welche nicht.

4. Lernzielformulierung und kritische Reflexion: Danach evaluiert die Gruppe selbstkritisch all das Wissen und jene Kompetenzen, die zur Entwicklung von potentiellen Lösungen noch fehlen. Es geht hier beispielsweise um verfügbare Ressourcen, fehlendes Wissen und Fähigkeiten. Welches operationale Wissen fehlt der Gruppe bevor man mit der Entwicklung konkreter Lösungen beginnen kann?

5. Akquise grundsätzlicher operationaler Information: Sobald diese offenstehenden Lernaspekte (Learning Issues) geklärt sind, werden diese als konzeptionelle Forschungsaufgaben an die Gruppenmitglieder fair verteilt.

6. Akquise prozessualer Information: In darauffolgenden Sitzungen präsentieren die Gruppenmitglieder ihre Ergebnisse und diskutieren deren Tragfähigkeit. Dabei kann es vorkommen, dass man Recherche und Forschung in mehrstufigen Prozessen wiederholen muss, insbesonders bei komplexen und vielschichtigen Problemen. Die Gruppe kann nun auf erste Erkenntnisse und Foschungsergebnisse aufbauen.

7. Synthese: Sobald alle relevanten Informationen vorliegen um ein Problem zu lösen kann sich das Team an die Entwicklung von Lösungen begeben. Hierbei ist es wichtig im Auge zu behalten, dass es nicht nur eine ‚Modellösung‘ gibt, sondern dass in der Realität verschiedene Lösungsansätze und Konzepte miteinander konkurrieren.

8. Evaluierung unter multiplen Perspektiven: Last, but not least evaluiert und reflektiert das Team nicht nur seine Lösungen, sondern auch sich selbst, seine Stärken und Schwachpunkte. Dabei geschehen Beurteilungen sehr detailliert in Bezug auf die Rollen, die alle Gruppenmitglieder während des Lernprozesses eingenommen hatten. Wie waren meine Leistungen als Teamplayer, als Forscher oder Problemlöser und wie beurteile ich die Beiträge anderer? Die Hauptaufgabe formaler Kritik ist es Gruppenmitglieder zu motivieren bei der nächsten Runde an ihren Schwächen zu arbeiten und ihre Stärken auszubauen.

Das ist, in Kürze, das klassische McMaster Modell. Pädagogen wie Prof. Donald Woods haben dazu beigetragen dieses Modell weiterzuentwickeln. Je nach Fakultät, Komplexität des Problems und dessen Kontext lassen sich die genannten Stufen des Lernprozesses als modifizierbare Flussdiagramme formalisieren.

PBL5

Grafik: (a) In traditionellen Klassenzimmern steuert die Lehrkraft den Lernprozess. Im Mittelpunkt steht typischerweise ein akademisches Problem aus dem Lehrplan. SchülerInnen können der Lehrkraft Fragen stellen um Sachverhalte zu klären die sie nicht verstanden haben. (b) In PBL steht ein authentisches Problem im Mittelpunkt der Kleingruppe und bringt den Lernprozess voran, nicht die Lehrkraft. Der Tutor steuert und vertieft den Problemlösungsprozess durch metakognitive Fragestellungen und sichert die kommunikativen Rahmenbedingungen der Gruppe. Dazu gehört auch das Zeitmanagement der Gruppe. In der Kleingruppe übernimmt ein Mitglied die Rolle des Schreibers (’scribe‘, hier in grün) um die Zwischenergebnisse der Gruppe festzuhalten, zu formalisieren und konsensual zu dokumentieren.

Hybrides PBL (hPBL) kombiniert Teile von PBL mit Vorlesungen, Informationsveranstaltungen und digitalen Angeboten um allen Studenten das gleiche Vorwissen (prior knowledge) zu ermöglichen. Ein Kritikpunkt an klassischem PBL war, dass es ein schwierig und zeitraubend ist wenn Lernende als eine Tabula Rasa ihr Wissen vollkommen selbstständig erarbeiten sollen. Eine gute Alternative sind daher konzeptionelle Eingangseinführungen in das vorhandene professionelle Wissensspektrum zu einem speziellen Thema, die allen Studenten die gleichen fairen Startbedingungen ermöglichen. Dies beinhaltet den Zugang zu Lernmaterialien, ausgewählter Literatur und Bibliotheken. Studien haben ergeben, dass Studenten in hPBL den Studenten in konventionellen Lernmethoden in punkto Allgemeinwissen in nichts nachstehen, dafür aber wertvolle kognitive und soziale Kompetenzen erwerben. Durch die Kombination aus professionellen Wissenserwerb und der Entwicklung intrinsischer Motivation findet hPBL seine Anwendung in vielen Eliteuniversitäten. In dieser Hinsicht ist das deutsche duale System mit hPBL kompatibel und folgt einer vergleichbaren Philosophie Theorie und Praxis miteinander zu vereinen.

P 5BL (das Stanford Modell) steht für ‘People, Problem, Process, Product and Project Based Learning’, also Personen, Probleme, Prozesse, Produkt- und Projekt-basiertes Lernen und findet seine Anwendung in interdisziplinären Studiengängen in denen zum Beispiel Gruppen verschiedener Fachrichtungen ein Produkt für einen Kunden in einem authentischen sozialen Zusammenhang entwickeln.

Howard.pngPhoto: Howard Barrows entwickelte  PBL an der McMaster Medical School seit den 70er Jahren. Seitdem wurde PBL in viele andere Fachbereiche übertragen, u.a. von Don Woods der ebenfalls an der McMaster Universität lehrte.

Für viele Schulen und Universitäten ist ein hybrides hPBL Modell von daher attraktiv, da es allen Studenten ein fundiertes Vorwissen vermittelt und damit die Chancengleichheit erhöht. Ungleiche Ausgangsvoraussetzungen werden in Gegesatz zu herkömmlichen Unterricht vermindert. Durch die zusätzliche Moderation von Tutoren ist darüber hinaus eine gleiche und faire Partizipation aller Gruppenmitglieder gewährleistet. Aus methodologischer Sicht werden Studenten dazu befähigt, gemäß dem Humboldt’schen Bildungsideal, das Lernen zu lernen was der modernen pädagogischen Zielsetzung eines lebenslangen Lernens entgegenkommt.

Was ist machbar für meine Schule oder Universität?

PBL/ hPBL bietet eine anspruchsvolle zukunftsorientierte Pädagogik für alle Fachbereiche an, die wissenschaftliche und diskursive Kompetenzen entwickeln möchten. Die Modelle erfordern die Schulung von Lehrern, genügend Räume, Lehrkräfte und Ressourcen für die Arbeit in Kleingruppen sowie eine klare politische Vorgabe der Schulleitung aktives Lernen schulübergreifend einzuführen. Letzteres ist wichtig da Schüler ansonsten keine klare Vorlage haben und hin- und hergerissen sind zwischen der Jagd nach guten Noten in traditionellen lehrerzentrierten Klassen und der Entwicklung intrinsischer Kompetenzen in einem PBL/ hPBL Curriculum. Hier besteht die Möglichkeit einer schrittweisen Implementierung von hPBL Modellen.

Die anspruchsvolle Ausbildung von Tutoren, die Bereitstellung von geeigneten Klassenzimmern für Kleingruppen sowie die Störungsanfälligkeit von Kleingruppen durch fehlende Schüler sind die größten Herausforderungen in einem PBL Curriculum. Hier gibt es als Lösungen die Skalierung durch digitale Medien, kürzere Problemlösungszyklen sowie die Zusammenstellung größerer Gruppen (5-7 Studenten, aber auch Großgruppen die in kleine Cluster eingeteilt werden können) um eine robustere kontinuierliche Arbeit sicherzustellen.

PBL im Kontext deutscher Bildungsentwicklung

In Deutschland gestaltet sich die Einführung von PBL sehr konservativ. PBL wurde bisher nur für Medizinstudiengänge wie dem HeiCuMed (Heidelberger Curriculum Medicinale), der Charité und der Ruhr Universität Bochum eingeführt. Die Universität Bielefeld nutzt POL (Problemorientiertes Lernen) für die Fakultät der Wirtschaftswissenschaften da praxisnahe Fallbearbeitungen, ähnlich wie in der Medizin, dort eine zentrale Rolle spielen. Eine Empfehlung ist das Video ‚Erfahrungen von Studierenden‘ auf der Webseite der Universität Bielefeld. Dabei hat PBL das große Potenzial, Schülern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft eine höhere soziale Integration und reflektive Autonomie während aller Lernprozesse zu ermöglichen.

Die Bemühungen um mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland basieren derzeit zu einem großen Teil auf dem Ausbau von Ganztagsschulen und weniger reformpädagogischen Ansätzen. Der Chancenspiegel 2017 (herausgegeben von der Bertelsmann Stiftung, dem Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund und dem Institut für Erziehungswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena) definiert Chancengleichheit durch die Indikatoren Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe.  In ihrer Einleitung stellen die Autoren (Seite 32) weitergehende Fragen:

seite32

Aus der Sicht einer konstruktivistischen Pädagogik lässt sich diese Passage wie folgt kommentieren:

  1. Eine interaktive und schülerzentrierte Pädagogik trägt zur Erfahrung individueller Anerkennung durch das Format hochintegrierter Kleingruppen bei, insbesondere durch die integrativen kommunikativen Richtlinien von Tutoren zur Gleichbehandlung aller Schüler*innen sowie die geteilten Rollen- und Perspektivenübernahmen während aller Schulprojekte
  2. Reflektierte Entscheidungskompetenzen werden in PBL und all seinen Varianten gezielt gefördert und tragen damit auch zu einer freien gesellschaftlichen Teilhabe bei. Ohne die explizite Entwicklung von Reflexionsvermögen ist soziale Teilhabe nie vollkommen autonom.
  3. Eine Schule, die allen Schülerinnen und Schülern den gleichen Zugang zu Vorwissen (hPBL) sowie allen den gleichen Zugang zu sozialen Rollen innerhalb von Lernprozessen ermöglicht, ist gerechter als eine Schule in der es solche Möglichkeiten nicht gibt.

Schlussfolgerung

PBL und hPBL Modelle erfüllen alle grundsätzlichen Erwartungen die man an eine moderne Pädagogik stellt. Die Ansätze sind wissenschaftlich begründet, flexibel und praxisnah. PBL unterstützt die umfassende Entwicklung individueller und sozialer Kompetenzen, intrinsischer Motivation und folgt der evidenz-basierten Logik wissenschaftlichen Denkens.

Die positiven Effekte von PBL gegenüber Instruktor-basierten Lernens wurden in zahlreichen Metaanalysen bestätigt (Dochy et al., 2003; Gijbels et al., 2005; Vernon & Blake, 1993; Walker & Leary, 2009, Zhang et al., 2015). Zahlreiche Studien bestätigten erwartungsgemäß eine bessere Fundierung faktischen Wissens in hPBL/ H-PBL (Azer, 2009; Carrió et al., 2016) verglichen mit ‚authentischem‘ PBL/ aPBL (Barrows & Wee, 2007). Konstruktivistische Pädagogik kann einen wertvollen Beitrag zur Chancengleichheit in Deutschland leisten.